Dig it!
Ein Impulstag über ungehörte Geschichte(n) und alternative Archive
- Begegnung und Austausch
- Impulsvortrag
- Workshop
- Deutsch
Viele der bei rodeo 2026 gezeigten Stücke beschäftigen sich mit dem Freilegen verborgener Geschichten, dem Sichtbarmachen verdrängter Erfahrungen und dem Hörbarmachen marginalisierter Perspektiven. Daran knüpft auch der Impulstag Dig it! an: Einen Vormittag lang wollen wir uns in Workshops, Impulsen und kleinen Präsentationen mit Fragen des Bewahrens, Erinnerns und Erzählens befassen.
Wessen Geschichten werden – in der Öffentlichkeit, im Theater – erzählt? Und welche nicht? Welche Lücken gibt es in unserem kollektiven Gedächtnis, und wie können wir anders, besser, vielfältiger erzählen – nicht nur mit Worten und Bildern, sondern auch mit unseren Körpern?
Das betrifft auch das freie Theater selbst: Wie kann das (sub)kulturelle Erbe dieser flüchtigen Kunstform bewahrt werden? Von der Politik des Archivs bis zur Kunst als Gegen-Gedächtnis: Die Suche nach widerständigen Formen des Erinnerns ist auch ein Einspruch gegen die Repräsentations- und Geschichtspolitik der Neuen Rechten, die darauf abzielt, Gewalt zu legitimieren und Vielfalt unsichtbar zu machen. Gemeinsam mit Autor*innen, Tanz- und Theaterschaffenden sowie Wissenschaftler*innen wollen wir uns in dieses Konfliktfeld begeben und mit unseren Stimmen und unseren Körpern Geschichte(n) lebendig werden lassen.
Los geht es um 11 Uhr mit einem kurzen, gemeinsamen Impuls im Festivaltreff im schwere reiter Foyer. Danach teilen wir uns auf, und jede*r kann ab 11.30 Uhr einen der folgenden zweistündigen Workshops besuchen. Zum Abschluss kommen alle bei einem gemeinsamen Essen wieder zusammen.
Der Impulstag steht allen interessierten Besucher*innen offen. Der Eintritt ist frei. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Anmeldung für die einzelnen Workshops über den Ticketlink.
Die Workshops finden parallel statt. Hier eine Übersicht:
1. Denijen Pauljević: Was du von mir erinnerst (Schreibworkshop)
Was geschieht mit einer Geschichte, wenn wir sie einem anderen Menschen erzählen? Was bleibt, was verändert sich, was kommt hinzu? Ausgehend von persönlichen Erinnerungen, Gegenständen, Fotos, Wörtern oder einem Lied schreiben und erzählen wir Geschichten, geben sie weiter und eignen uns die Geschichten anderer für einen Moment an. Aus zwei Erinnerungen entsteht schließlich gemeinsam eine dritte Geschichte, die niemandem mehr allein gehört. So wird daraus ein kleines alternatives Archiv aus Erlebtem und Erfundenem, aus Zuhören, Erinnern, Übersetzen und Weiterschreiben.
Keine Vorkenntnisse erforderlich. Ihr könnt gerne einen Gegenstand, ein Foto, einen Satz, ein Wort, ein Lied oder eine kleine Geschichte mitbringen, an der eine Erinnerung hängt.
2. Yolanda Morales und Nicolás Vignolo: Tanzende Erinnerung. Cumbia Colombiana als Körperarchiv (Tanz-Workshop)
In diesem Workshop laden Yolanda Morales und Nicolás Vignolo dazu ein, die Cumbia Colombiana aus Monterrey als lebendiges Körperarchiv zu entdecken. Der Tanzstil, der zwischen Mexiko und den USA eine besondere kulturelle Bedeutung erlangt hat, dient als Ausgangspunkt, um sich mit Migration, Zugehörigkeit und kollektiver Identität auseinanderzusetzen. Gerade in marginalisierten Communities trägt dieser Tanz Geschichten und Wissen weiter und macht individuelle wie kollektive Erinnerungen körperlich erfahrbar. Der Workshop knüpft an das aktuelle Projekt von Yolanda Morales & Team an, das sich anhand dokumentarischen Materials den Lebens- und Arbeitsbedingungen im ehemaligen Kohlebergbau von Lota in Chile widmet. Gemeinsam wird erforscht, wie sich aus Bewegung, Bildern und Interviews generationenübergreifende Praktiken des Erinnerns entwickeln lassen.
Keine Vorkenntnisse erforderlich. Bitte bequeme Kleidung mitbringen.
3. Nora Binder und Dr. des. Beatrice Wichmann: Das digitale Archiv der freien darstellenden Künste (praktische Einführung)
Anfang des Jahres ist das Digitale Archiv der Freien Darstellenden Künste online gegangen – eine Plattform für Dokumente und Materialien zu Geschichte und Gegenwart der Szene, getragen von der Initiative für die Archive der Freien Darstellenden Künste e. V. Künstler*innen, Sammler*innen und Institutionen können eigene Einträge erstellen und Material hochladen. Für den leichten Einstieg lädt das Deutsche Theatermuseum zu einem Workshop ein: Nach einem Impulsvortrag von Dr. des. Beatrice Wichmann zu Archivarbeit und Sammlungsstrategie folgt eine Einführung in das Digitale Archiv. Danach gibt es genug Zeit, um erste eigene Erfassungen zu machen, sich darüber auszutauschen und Fragen vor Ort zu klären.
Bitte bring einen eigenen Laptop und Material zum Erfassen mit. Die zu erfassenden Objekte können zum Beispiel Programmhefte, Video- oder Textdateien, Fotomaterial oder Fotografien von Requisiten und Bühnenbildern sein.
4. Carla Lou Schäfer und Caroline Anne Kapp: Der erste letzte Fall (Töpfer-Workshop)
In ihrem Workshop beschäftigen sich Carla Lou Schäfer und Caroline Anne Kapp mit den Externsteinen, einer massiven Steinsformation, die im Teutoburger Wald neben dem Hermannsdenkmal steht. Die Steine werden von esoterischen und faschistischen Gruppen als ‘Kraftort’ mit außergewöhnlichen geomantischen und spirituellen Eigenschaften angesehen. Im Workshop bauen wir antifaschistische Modelle der Steine aus Ton und Carla und Caroline stellen ihre künstlerische Arbeitsweise vor. Ihr aktuelles Projekt Der erste letzte Fall ist eine installative Performance, die die Bücherverbrennung vom 18. Oktober 2025 an dem antifaschistischen Mahnmal auf dem Wilhelmsplatz in Görlitz untersucht.
5. Sandra Chatterjee: CHAKKARs Table Conversations – Münchner Tanzgeschichten | Munich Dance (Hi)Stories (Gespräche)
München tanzt seit Jahrzehnten – auf Bühnen, in Studios, Clubs, Vereinen, Kulturzentren, Parks und im öffentlichen Raum. Diese Ausgabe der Table Conversations erweitern den Blick auf Münchner Tanzgeschichte jenseits etablierter Institutionen und tanzgeschichtlicher Narrative: Drei Protagonist*innen der Münchner Tanzgeschichte teilen im Oral-History-Format persönliche Erinnerungen an Tanzpraktiken, Orte, Communities, Begegnungen und selbst geschaffene Räume. Ausgehend von ihren Geschichten und Impulsen entsteht ein Austausch mit dem Publikum, das nach 30 Minuten an den nächsten Tisch wechselt. So entsteht aus individuellen Erinnerungen ein vielstimmiges Bild Münchner Tanzgeschichte – als Migrationsgeschichte, Stadtgeschichte und Geschichte von Begegnungen, Beziehungen und selbst geschaffenen Räumen.
INFORMATIONEN
Spielort
schwere reiter Studio
Dachauer Str. 114
80636 München
Sprache
- DE Deutsch
Barrierefreiheit
-
kostenlos / Eintritt frei
-
Rollstuhlgängig
Alle Termine
Produktion
Eine Kooperation mit dem Tanz- und Theaterbüro, dem Deutschen Theatermuseum, der Initiative Chakkars und dem Netzwerk Münchner Theatertexter*innen.
Biografien
Denijen Pauljević ist Autor, Übersetzer, Moderator, Kurator und Performer. Er wurde in Belgrad geboren und kam während der Jugoslawienkriege nach Deutschland. In seinen literarischen und theatralen Arbeiten beschäftigt er sich unter anderem mit Erinnerung, Sprache, Migration und gesellschaftlichen Zuschreibungen und arbeitet häufig mit kollektiven und mehrsprachigen Formen. Er leitet den Kulturbereich des Bellevue di Monaco und unterrichtet Szenisches und Kreatives Schreiben, unter anderem an der LMU München und der Hochschule Coburg. Für seine Arbeit erhielt er mehrere Stipendien und Auszeichnungen.
Yolanda Morales, geboren in Chiapas, Mexiko, ist Choreografin und Performerin mit Sitz in Hamburg; in ihren Arbeiten verbindet sie imaginäre Körper mit aktuellen politischen und sozialen Realitäten und fordert dabei eine Dekolonisierung des Wissens ein. Nach ihrer Tanzausbildung in Mexiko und einem Master in Performance Studies in Hamburg wurden ihre Produktionen international gezeigt, u. a. bei der TANZPLATTFORM Deutschland, am HochX, in der Schwankhalle Bremen sowie bei Festivals in Indien und Südkorea. Sie war Künstlerin des Netzwerks FREISCHWIMMEN und Residentin am K3 – Zentrum für Choreographie auf Kampnagel, wo sie aktuell ihre neue Tanzperformance in Koproduktion entwickelt.
Nicolás Vignolo ist ein chilenischer Künstler, Tänzer und Performer mit Sitz in Hamburg, ausgebildet in Chile sowie an der Contemporary Dance School Hamburg. Sein Bewegungshintergrund umfasst zudem Pilates und Hatha-Yoga, die er in Thailand und Spanien studierte und in denen er auch als Lehrer zertifiziert wurde.
Dr. des. Beatrice Wichmann studierte Geschichte und Politikwissenschaft und wurde in Bayerischer Geschichte mit einer Dissertation zur kommunalen Kulturpolitik in München promoviert. Seit 2015 ist sie im Museums- und Ausstellungswesen tätig, u. a. an der Neukonzeption der Dauerausstellung der DenkStätte Weiße Rose. 2023 bis Ende 2024 leitete sie das Stadtmuseum und Stadtarchiv Abensberg; seither leitet sie die Sammlung Schriftgut am Deutschen Theatermuseum München.
Nora Binder studierte Theaterwissenschaft und Soziologie an der LMU. Sie schrieb ihre Masterarbeit über die Förderung freier Theater in München. Sie ist seit 2024 am Deutschen Theatermuseum im Bereich Bibliothek und grafische Sammlung und seit 2025 zusätzlich im Bereich Digitale Kommunikation beschäftigt.
Caroline Anne Kapp istRegisseurin und Performancekünstlerin und beschäftigt sich mit erinnerungspolitischen Fragen zum deutschen Nazierbe, Kontaminierung von Landschaften und aktueller faschistischer Körperpolitik. Für ihre künstlerische Forschung bereist sie Orte rechter Infrastrukturen mit ihren Teams, führt Interviews, vernetzt sich vor Ort, bindet immer wieder lokale Akteur*innen in ihre performativen Interventionen ein und veröffentlicht Begleitmagazine, die die historische Recherche vermitteln.
Carla Lou Schäfer studierte Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf Architektur an der Goethe Universität Frankfurt. Auf der Wiesbaden Biennale 2018 arbeitete sie eng mit Maria Magdalena Ludewig zusammen. Seit 2022 arbeitet sie mit Caroline Anne Kapp und wirkte an den Projekten Electric Mountain Obersalzberg (2022), Plantage Dachau (2023) und Der Taktische Körper (2025) mit.
Sandra Chatterjee ist Choreographin und Wissenschaftlerin in den Bereichen Performance, Kultur- und Tanzwissenschaft. In ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit verbindet sie Theorie und Praxis und beschäftigt sich mit Fragen von Gender, Migration und Postcolonial Studies. Zu ihren aktuellen Projekten zählen die Arbeiten SWEAT – Smells of Labour und SMELLS OF RACISM sowie die Organisation von CHAKKARs – Moving Interventions. Chatterjee ist Gründungsmitglied des internationalen Post Natyam Collective und war von 2020 bis 2022 Künstlerin der Plattform FREISCHWIMMEN.